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Meine Meinung zu · Fachkräftesicherung

Fachkräftesicherung im Mittelstand beginnt bei der Ausbildung

13,4 Millionen Erwerbspersonen gehen bis 2039 in Rente, gleichzeitig bilden immer weniger Betriebe aus. Warum Fachkräftesicherung im Mittelstand bei der Ausbildung entschieden wird.

Portrait von Frederik Döppeler

Frederik Döppeler

21. September 2026

Ausbilder begleitet eine junge Auszubildende in einem mittelständischen Produktionsbetrieb
Illustration: KI-generiert

Fachkräftemangel wird meistens als Problem des Arbeitsmarkts beschrieben. Aus meiner Sicht ist er vor allem ein Problem der Ausbildung. Die Fachkräfte, die einem Betrieb 2030 fehlen, sind die Azubis, die er 2026 nicht eingestellt hat.

Ich habe selbst meine Ausbildung zum Industriekaufmann bei einem Mittelständler in Wenden gemacht. Heute spreche ich mit swappz und jobfari fast täglich mit Geschäftsführern und Ausbildungsleitern. Der Satz, den ich dabei am häufigsten höre: „Wir finden einfach keine Leute.“ Die Zahlen zeigen, dass das nur die halbe Wahrheit ist.

Die Rechnung, die kaum ein Betrieb aufmacht

Laut Statistischem Bundesamt erreichen in den nächsten 15 Jahren 13,4 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter. Das sind 31 % aller Menschen, die 2024 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung standen. Die 55- bis 64-Jährigen sind mit zusammen 10 Millionen Menschen größer als jede jüngere Altersgruppe.

Die Jahrgänge, die nachkommen, sind schlicht kleiner. Jeder Betrieb, der heute ein Durchschnittsalter von Mitte 40 hat, kann ziemlich genau ausrechnen, wann welche Stellen frei werden. Die wenigsten tun es.

Immer weniger Betriebe bilden aus

Parallel zur Rentenwelle ziehen sich Betriebe aus der Ausbildung zurück. Die Ausbildungsbetriebsquote lag 2024 bei 18,7 %. 2007 waren es noch 24,1 %. Besonders deutlich ist der Rückgang bei Kleinstbetrieben mit bis zu neun Beschäftigten: von 16,8 % auf 9,7 %.

Dazu kommt die aktuelle Konjunktur. 2025 wurden nur noch 476.000 neue Ausbildungsverträge geschlossen, 2,1 % weniger als im Vorjahr. Das betriebliche Angebot sank um 5 %. In der DIHK-Ausbildungsumfrage 2025 planten 26 % der Unternehmen, weniger Ausbildungsplätze anzubieten. Nur 15 % wollten mehr anbieten.

Warum Kürzen in der Krise der teuerste Fehler ist

Ich verstehe jeden Geschäftsführer, der bei unsicherer Auftragslage auf die Kosten schaut. Aber eine Ausbildung dauert drei Jahre. Wer 2026 keinen Azubi einstellt, hat 2029 keine ausgelernte Fachkraft, genau dann, wenn der nächste Aufschwung und die nächste Rentenwelle zusammenkommen.

Die Alternative ist teurer: Fachkräfte vom Markt abwerben, Headhunter bezahlen, Quereinsteiger einarbeiten. Ein selbst ausgebildeter Mitarbeiter kennt dagegen die Abläufe, die Kunden und die Kultur. Ausbildung ist aus meiner Sicht die günstigste Form der Fachkräftesicherung, die es gibt.

Gleichzeitig gilt: Ausbilden wollen reicht nicht. 48 % der Betriebe konnten 2025 nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Von diesen bekam fast ein Drittel keine einzige Bewerbung. Mein Bruder Leonard beschreibt in seinem Beitrag zum Passungsproblem am Ausbildungsmarkt, warum Bewerber und Betriebe trotzdem nicht zueinander finden.

Was der Mittelstand besser kann als Konzerne

Im Wettbewerb um Azubis fühlen sich viele Mittelständler unterlegen. Konzerne haben größere Marken, größere Budgets und größere Karriereseiten. Aber der Mittelstand hat Argumente, die für junge Menschen zählen:

  • Frühe Verantwortung: Azubis arbeiten an echten Projekten statt im Ausbildungszentrum.
  • Kurze Wege: Der Geschäftsführer kennt den Azubi beim Namen.
  • Sichere Perspektive: Wer gebraucht wird, wird übernommen. Das ist für eine sicherheitsorientierte Generation ein starkes Argument.
  • Nähe zum Wohnort: Viele Jugendliche wollen in ihrer Region bleiben.

Das Problem ist fast nie das Angebot. Das Problem ist, dass niemand davon erfährt.

Fünf Hebel für Fachkräftesicherung über Ausbildung

  1. Ausbildungsbedarf aus der Altersstruktur ableiten, nicht aus der aktuellen Auftragslage. Wer in fünf Jahren in Rente geht, braucht heute einen Nachfolger in Ausbildung.
  2. Auch in schwachen Jahren ausbilden. Lieber einen Platz weniger als gar keinen, damit die Ausbildungsstrukturen und die Ausbilder erhalten bleiben.
  3. Früher sichtbar werden. Kontakt zu Schulen ab Klasse 8, Praktikumsplätze, Betriebsbesuche.
  4. Eltern mitdenken. Die Entscheidung für einen Ausbildungsbetrieb fällt selten allein.
  5. Übernahme und Perspektive konkret machen. „Gute Chancen auf Übernahme“ überzeugt niemanden. „Alle Azubis der letzten fünf Jahre wurden übernommen“ schon.

Häufige Fragen

Was bedeutet Fachkräftesicherung im Mittelstand?
Fachkräftesicherung umfasst alle Maßnahmen, mit denen Unternehmen ihren künftigen Bedarf an qualifizierten Mitarbeitenden decken. Im Mittelstand ist die eigene Ausbildung der wichtigste und günstigste Hebel.
Wie viele Fachkräfte gehen in Deutschland in Rente?
Laut Statistischem Bundesamt erreichen bis 2039 rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter. Das entspricht 31 % aller Erwerbspersonen.
Wie viele Betriebe bilden in Deutschland aus?
2024 bildeten 18,7 % aller Betriebe mit mindestens einem Beschäftigten aus. 2007 lag die Quote noch bei 24,1 %.