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Meine Meinung zu · Ländlicher Raum

Ausbildung im ländlichen Raum: Warum Hidden Champions für Jugendliche unsichtbar sind

Auf dem Land bleiben 15,1 % der Ausbildungsplätze unbesetzt, in der Stadt 10,4 %. Warum das weniger mit Abwanderung zu tun hat als mit Sichtbarkeit.

Portrait von Frederik Döppeler

Frederik Döppeler

17. September 2026

Jugendlicher blickt auf einen modernen Industriebetrieb im ländlichen Raum
Illustration: KI-generiert

Ich komme aus Olpe im Sauerland. Südwestfalen ist die Industrieregion Nummer eins in Nordrhein-Westfalen, hier sitzen mehr als 150 Weltmarktführer. Trotzdem kennen die meisten 15-Jährigen hier mehr Marken aus ihrem Handy als Unternehmen aus ihrem Nachbarort.

Genau das ist aus meiner Sicht das Kernproblem der Ausbildung im ländlichen Raum. Nicht die Lage, nicht das Gehalt, nicht die fehlende Großstadt. Sondern dass die attraktivsten Arbeitgeber einer Region für junge Menschen schlicht nicht existieren.

Die Zahlen: Das Land hat ein eigenes Ausbildungsproblem

Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) hat den Ausbildungsmarkt 2024 nach Regionen ausgewertet. In dünn besiedelten ländlichen Kreisen blieben 15,1 % der rund 62.000 gemeldeten Ausbildungsstellen unbesetzt. In städtischen Regionen waren es 10,4 %.

Auf dem Land kamen nur 73 Bewerberinnen und Bewerber auf 100 gemeldete Plätze, in der Stadt 91. In einzelnen Berufen ist die Lücke noch größer: In der Anlagenmechanik für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik blieb über ein Drittel der angebotenen Plätze auf dem Land unbesetzt.

Die Kehrseite ist spannend: In Städten blieben 19,5 % der Bewerber ohne Ausbildungsplatz, auf dem Land nur 12,5 %. Es gibt also junge Menschen, die einen Platz suchen, nur eben nicht dort, wo die Plätze sind.

Abwanderung ist nicht das eigentliche Problem

Die gängige Erzählung lautet: Junge Menschen wollen in die Stadt. Die Forschung zeichnet ein anderes Bild. Eine Studie zu Wohnortentscheidungen junger Erwachsener in Baden-Württemberg zeigt: 91 % fühlen sich an ihrem Heimatort wohl, rund zwei Drittel würden bleiben, wenn es passende Ausbildungs- oder Studienangebote vor Ort gäbe.

Viele gehen also nicht, weil sie weg wollen. Sie gehen, weil sie nicht wissen, was sie vor Ort erwartet. Wer mit 16 nur das Bild vom „Metallbetrieb im Gewerbegebiet“ hat, entscheidet sich für das Studium in Köln. Dass derselbe Betrieb Maschinen in 60 Länder liefert und Azubis für Montageeinsätze ins Ausland schickt, erfährt er nie.

Warum „Hidden“ das eigentliche Problem ist

Hidden Champions sind stolz darauf, in ihrer Nische weltweit führend zu sein. Für das Geschäft mit Industriekunden funktioniert das. Für die Nachwuchsgewinnung ist es ein Nachteil.

Jugendliche bewerben sich bei Unternehmen, die sie kennen. Ihre Eltern empfehlen Unternehmen, die sie kennen. Ein Weltmarktführer, der in keinem Feed, an keiner Schule und in keinem Gespräch am Küchentisch vorkommt, verliert gegen den Einzelhändler, dessen Logo jeder kennt.

Was Betriebe im ländlichen Raum konkret tun können

  1. Das Besondere erzählen, nicht das Produkt. Nicht „wir stellen Hydraulikkomponenten her“, sondern „unsere Teile stecken in jedem zweiten Kran weltweit“.
  2. Mobilität lösen, bevor sie zum Absagegrund wird. Zuschuss zum Führerschein, Deutschlandticket, organisierte Fahrgemeinschaften. Wer mit 16 keine Busverbindung hat, bewirbt sich nicht.
  3. Wohnen anbieten. Das KOFA empfiehlt ausdrücklich Azubi-Wohnen für ländliche Regionen. Mehrere Betriebe können sich eine Azubi-WG teilen.
  4. Bewerber aus der Stadt gezielt ansprechen. Jeder fünfte städtische Bewerber bleibt ohne Platz. Günstiger Wohnraum und sichere Übernahme sind für sie echte Argumente.
  5. Als Region gemeinsam auftreten. Ein einzelner Betrieb aus dem Sauerland ist für Jugendliche unsichtbar. Zwanzig Betriebe unter einer regionalen Marke nicht. Genau so arbeiten wir mit swappz in regionalen Projekten gemeinsam mit Wirtschaftsförderungen und Schulen.

Häufige Fragen

Warum bleiben auf dem Land mehr Ausbildungsplätze unbesetzt?
In ländlichen Regionen gibt es weniger Bewerber pro Stelle: 2024 kamen 73 Bewerber auf 100 Plätze, in Städten 91. Dazu kommen schlechtere Mobilität, fehlender Azubi-Wohnraum und geringe Bekanntheit vieler Betriebe.
Was sind Hidden Champions?
Hidden Champions sind meist mittelständische Unternehmen, die in einer Nische Welt- oder Europamarktführer sind, in der Öffentlichkeit aber kaum bekannt. Allein in Südwestfalen sitzen mehr als 150 Weltmarktführer.
Wie gewinnen Betriebe auf dem Land Azubis?
Durch frühe Sichtbarkeit an Schulen und in sozialen Medien, gelöste Mobilität (Führerschein, Ticket), Azubi-Wohnen, gezielte Ansprache städtischer Bewerber und gemeinsames Regionalmarketing.